Rivva krepelt. Ich kotze.
Bei carta lese ich soeben: „rivva krepelt – und US-Verlage investieren Millionen in Ongo”. Das, was Robin Meyer-Lucht dort zusammengetragen hat, beschreibt ziemlich genau, worüber ich mich gerade richtig ärgere:
An solchen Tagen kann man fast nur noch mit den Schultern zucken und feststellen, dass hierzulande die Dinge irgendwie nicht zusammenkommen, die zusammenkommen sollten: Ideen, Programmierkunst, Geschäftsmodelle, Geld.
Da werden in den USA von großen Medienhäusern 12 Millionen Dollar (!!!) in ein noch nicht mal einsehbares Projekt investiert (Holger Schmidt dazu recht lapidar: „Genaues ist über das Unternehmen allerdings nicht bekannt, da die Seite noch nicht freigeschaltet wurde.” Hallo???), während ein das deutschsprachige Äquivalent seit Anfang 2007 online ist. Ganz zu schweigen davon, dass man durch Frank Westphal immer wieder aufzeigt bekommt, was durch technische Aggregation prinzipiell für die Darstellung und Verarbeitung von Informationen im Internet möglich wäre (Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk…).
Ich habe rivva mit meiner Abschlussarbeit fast ein Jahr gewidmet. Es ist bedrückend zu sehen, wie das Projekt nicht die Beachtung erfährt, die es verdient. Schuldzuweisungen sind an dieser Stelle herrlich sinnfrei – Ursachenforschung nicht. Ich denke, dass die folgenden Punkte eine gewisse Mitschuld tragen.
Die – im Vergleich zur amerikanischen Blogosphäre – recht schwache deutschsprachige Blogosphäre mit wenigen, technikzentrierten Leuchttürmen/A-Bloggern kann auf Dauer nicht alleinige Säule für das rivva-Modell bleiben. Kleine Randnotiz: Die MZ ist noch immer in den Leitmedien auf Platz 14 – nach einem einzigen „relevanten” Beitrag über Blumenkübel, davor befinden sich mit Carta und Netzpolitik nur zwei deutschsprachige Nicht-Unternehmens-Weblogs…
Deutsche Zeitungen & Verlage schaffen es bis heute nicht, die Regeln des Internets zu verstehen und ordentlich zu verlinken. Das mag sich in letzter Zeit ein wenig geändert haben, wirkliche Verbesserung ist nicht bemerkbar. Die Beharrungskräfte und die Visionsresistenz, die deutsche Verlage größtenteils an den Tag legen, sind so bemerkenswert wie fatal.
Twitter und Facebook sind – wie auch Marcel Weiss feststellt – Durchlauferhitzer. Diese Mechanik widerspricht dem ursprünglichen rivva-Gedanken des Storytellings und verlegt den Fokus der Nachrichtenauswahl auf den schnellen Hype (wie es ja momentan schon oft per Twitterlinks geschieht).
Und ja: Natürlich kann man (hallo Sachar) Frank vorwerfen, er würde nicht an einer Monetarisierungs-/Professionalisierungsstrategie arbeiten. Wer jedoch eines der vielen Interviews mit Frank oder auch die Geburtstagsankündigung zu den Sponsored Posts liest, wird bemerken: Das gesamte Projekt war nie darauf angelegt, kommerziell erfolgreich zu werden.
Das mag man für naiv oder gar dumm halten. Meiner Meinung nach hat Franks Bescheidenheit und Understatement rivva aber (ja: in allen Konsequenzen!) zu dem gemacht, was es heute ist: Der nützlichste und meistunterschätzte Dienst für das deutsche Social Web.
Marcel Weiss prognostiziert sehr treffend, welche Konsequenzen der breite Graben haben wird, der sich in diesem (Nicht-)Finanzierungsvorgang zwischen den USA und Deutschland zeigt:
Auch in anderen Bereichen wird es wohl mittelfristig darauf hinaus laufen, dass eher Dienste aus den USA statt aus Deutschland die Infrastruktur der neuen Medien hierzulande stärken.
Und die, die heute nicht investieren und nicht experimentieren, werden morgen öffentlich darüber lamentieren, dass US-Dienste das deutsche Web-Geschehen dominieren.
Während wir (ja, auch ich – gerade mit diesem Beitrag) uns dem Lamentieren, Rummosern und Nörgeln hingeben, weil der einzige echte deutsche Visionär in Sachen Online-Orientierungsleistung keine Unterstützung erfährt, wird in den USA munter an der Zukunft geschraubt.
Zumindest ein Lichtblick bleibt bei der ganzen Sache ja: Wenn das so weitergeht, wird die Zahl der Nörgler immerhin in den Medienhäusern schrumpfen – weil keine Medienhäuser mehr existieren. Die verschlafen die Zukunft gerade nämlich an vorderster Front.