Merkzettel: Social Media Grundlagen.
Am Dienstag Abend sprachen Hendric und ich im Rahmen der Social Media Week Hamburg über „Social Media für KMU / Gründer”. Die Veranstaltung kam (zumindest dem größten Teil des Feedbacks nach zu urteilen) gut an, die Leute waren sehr zufrieden, nicht nur mit Sam’s Essen. Wir hatten zum Schluss des Vortrags eine Folie, die wir „Merkzettel” genannt haben. Für mich war und ist das der Grundstock, mit dem man sich dem Thema nähern sollte. Daher möchte ich die einzelnen Punkte mal genauer ausführen, das könnte ja für den einen oder die andere recht hilfreich sein.
TL;DR: Alles halb so wild und vor allem nur ein Seitenaspekt – ein gutes Produkt bringt euch Geld, Social Media ist Beiwerk.
Social Media ist kein Heilsbringer.
Insgesamt habe ich das Gefühl, das eine größere Gruppe von Menschen in solchen Diskussionen stets auf die gleichen Fragen und Probleme stößt. Was mich dabei immer und immer wieder erstaunt, ist der gefühlte Glaube vieler Menschen, dass einzig und allein Social Media Tools über das Wohl und Wehe nicht nur ihrer Kommunikation, sondern auch ihres Unternehmen, ihres Produkt entscheiden.
Die leidige Shitstorm-Diskussion sollte dank Martin Oetting ja beendet sein, daher ein paar kurze Worte zum oben genannten „Wohl” in Sachen Social Media.
Ja. Ihr könnt schnell, einfach und vor allem mobil Inhalte online stellen. Ja. Es gibt unglaublich viele Netzwerke, Special-Interest-Sparten in eben diesen und viele, viele Blogs zu allen Themen. Ja. Ihr könnt euch dort überall einbringen und mitdiskutieren. Ja. Social Media funktioniert genauso wie das normale Leben.
Nein. Ihr werdet nicht überall mit offenen Armen empfangen. Nein. Es gibt keine Trennung zwischen „Offline-Welt” und „Online-Welt” – ihr sprecht mit Menschen, egal ob Face2Face oder über euer Smartphone. (Außer ihr könnt gewinnbringend an Bots verkaufen. Schreibt mich bitte sofort an.) Nein. Ihr werdet nicht dreimal so viel verkaufen, weil ihr eine Facebook-Fanpage erstellt habt. Das führt direkt zu Punkt zwei:
Euer Job ist, Geld zu verdienen. Nicht zu twittern.
Mit steigernder Dauer einer Diskussion über Social Media steigt die Wahrscheinlichkeit gen 1, dass jemand die Frage der optimalen Anzahl an Facebook-Posts pro Woche stellt. Andere gern gefragte Punkte beinhalten zudem die besten Tools für Facebook/Twitter/NetzwerkX, über welches Netzwerk kann ich wie viele Menschen erreichen, und und und…
Das Schöne an solchen Fragen ist: Jeder kann sich dazu irgendwelche Zahlen ausdenken. Kann sie aus fundierten oder beliebig zusammengestellten Datenquellen ableiten. Man kann Zahlen aus anderen Ländern und Kontexten reißen und einfach übertragen. Oder sogar revolutionär feststellen, dass alle bisherigen Zahlen Quatsch sind und man die einzig wahre Wahrheit in einem aufwändigen Verfahren gefunden hat.
Das ist schön für jeden Teilnehmer einer Diskussionsrunde und jeden im Publikum, denn man geht mit einer festen Aufgabe nach Hause und weiß: Heute habe ich gelernt, dass ich mit Facebook-Posts zwischen $Uhrzeit1 und $Uhrzeit2 an drei Tagen pro Woche die beste Interaktion auf Facebook erzeuge. Jetzt werde ich/mein Unternehmen zum Social Media Superstar!
Wir haben uns im Vortrag sehr bemüht, solche Aspekte außen vor zu lassen. Das hat einen einfachen Grund: Sie sind scheißegal. Ernsthaft. Ich kenne kein KMU, das durch die Optimierung seiner Facebook-Posting-Zeit/Tweet-Länge/Instagram-Tags/… nachweisbar dauerhaft mehr Geld verdient hat. Sollte es so ein Beispiel geben: Glückwunsch, ihr habt offensichtlich viele, viele andere Probleme gelöst, so dass ihr euch mit einem solchen Thema beschäftigen könnt. Für den Rest gilt der nächste Punkt:
Macht geilen Scheiß.
Die meisten Unternehmen (zumindest jedes, das ich bisher im Endkunden-/Beratungs-/Arbeits– oder Bewerbungsleben kennen gelernt habe) haben ganz andere Probleme, um die sie sich sehr viel dringender kümmern sollten, als irgendeine Social-Media-Optimierungs-Maßnahme. Als KMU (und insbesondere Gründer) würde ich erstmal dafür sorgen, dass ich nicht nur ein gutes, sondern ein MEGAgutes Produkt herstelle. Das kann eine außergewöhnlich gute Beratungsleistung sein, das kann ein herausstechend gut geführtes Café sein, das kann eine zuverlässig, fehlerfrei und qualitativ hochwertig arbeitende Software-Firma sein.
Natürlich fällt sowas nicht einfach vom Himmel – ein MEGAgutes Produkt benötigt viele kleine Schritte, viele Veränderungen und hat vor allem immer irgendwo Verbesserungspotential. Der Faktor „Zeit” bedingt dabei, dass sich nicht alles auf einmal lösen lässt, sondern priorisiert und der Reihe nach abgearbeitet werden muss.
Das ist jetzt weitaus weniger sexy als die oben beschriebene Wunderformel für den Social Media Einsatz – sorry. Langfristig ist es aber die Konzentration auf das Wesentliche, die euch voran – und vor allem Kunden bringen wird. Der Rest folgt später und dann, wenn ihr Zeit habt. Nicht anders herum.
Schafft eine gute Online-Basis.
Beim Vortrag wurde die Frage gestellt, wie lang man sich mit der grundsätzlichen Einrichtung verschiedener Plattformen inklusive Website beschäftigen soll. Meine Antwort am Dienstag war ca. eine Woche, das halte ich mit allem Drumherum auch immer noch für realistisch, wenn nicht sogar für zu viel. Ihr müsst nicht in jedem Netzwerk vertreten sein. Noch wichtiger: Ihr müsst nicht überall den bis ins Detail perfekten Auftritt haben – Hauptsache, die Informationen stimmen und Leute können euch einfach (!!!) kontaktieren.
Baut ihr eine Website auf, so muss diese z.B. nicht von Beginn an visuell perfekt sein – sie muss die richtigen Informationen enthalten. Alles weitere könnt ihr nach und nach verbessern. Die Auswahl der richtigen Schriftart z.B. kann warten, für’s erste sehen Helvetica, Georgia oder zur Not sogar Verdana gut genug aus. Der Aufbau eines Twitter-Accounts erfordert fortlaufend Zeit, daher sollte man lieber zu früh als zu spät sichern und immer mal wieder (hallo, Toilette ;-) ) thematisch passenden Leuten folgen, schreiben, Beziehungspflege betreiben. Wenn ihr Twitter überhaupt nutzen wollt, denn:
Erreicht die richtigen Leute, nicht die meisten.
Je nachdem, welches Unternehmen ihr betreibt (betreiben wollt), unterscheidet sich eure Zielgruppe. Die könnt ihr mit ein bißchen Recherche eigenständig ermitteln – Wettbewerber-Analyse, Google Alerts, Google Insights, Twitter-Suche, Mini-Umfrage im Bekanntenkreis zu euren Unternehmensplänen (Wer würde bei euch kaufen? Wann? Warum? Wo kauft diejenige das bisher?) und auch Nachdenken helfen euch hier weiter.
Und je nach Unternehmen werdet ihr auch das für euch passende Netzwerk finden, in dem sich sowohl eure Zielgruppe aufhält und ihr zugleich auch passende Inhalte (Text, Links, Bilder, Videos,…) posten könnt. Falls ihr nicht alle Netzwerke kennt: Keine Sorge, ein kurzer Blick auf den jeweiligen Wikipedia-Artikel wird euch bei der Einschätzung helfen, ob ihr das nutzen könnt/solltet oder eben nicht.
Ein lokales Geschäft z.B. will – welch eine Überraschung – die Anwohner in der näheren Umgebung erreichen. Das schreit förmlich nach Google Places, Foursquare, Qype/Yelp, Facebook Places etc. Allein die Anzahl der Apps, die per Foursquare ortsbezogene Daten ziehen, ist ein zwingendes Argument für ein eigenes Foursquare Venue. So schwierig ist das auch nicht.
Wichtig bei jeglichem Engagement: Erhofft euch von euren Social Media Accounts nicht abertausende Follower/Freunde/Fans/whatever. Versucht lieber, die richtigen Leute zu erreichen. Sprecht Kunden an, bittet sie um Empfehlungen, verweist auf jegliche Profile, die ihr habt, per Sticker im Laden/Banner auf der Website etc. Wer euch mag, wird das dort auch ausdrücken.
Nutzt, was euch Spaß macht!
Euch ist nicht geholfen, wenn ihr irgendein Netzwerk „bespielen” müsst, das ihr hasst. Ihr „müsst” ein Blog schreiben, kommt aber zeitlich nicht dazu oder hasst das weiße, leere Textfeld vor euch? Lasst es sein. Ihr kommt mit Facebook nicht klar? Weg damit. Das ist nicht nur einfacher, sondern vor allem besser als ein verwaistes Profil in irgendeinem Netzwerk. Den SEO-Effekt, den ihr euch davon vielleicht versprecht, habt ihr mit gutem Einsatz im richtigen Umfeld schneller wieder heraus als ihr euch über das blöde andere Netzwerk ärgert, versprochen.
Wenn ihr diese Punkte beherzigt, dann sollte der Umgang mit dem Thema recht entspannt laufen. Wichtig zudem: Da die Anmeldung in all diesen Netzwerken kostenfrei ist (Sidenote: Kauft bloß keine teuren Tools für irgendwas! Ihr seid kein Großkonzern!), solltet ihr bei Zweifeln unbedingt mit einem privaten Account, einer privaten Fanpage etc. erstmal testen, wie euch das alles so gefällt und was ihr für Möglichkeiten habt. Das tut nicht weh.
Und zu guter Letzt: Auch wenn das alles neu und technisch aufregend ist, bleibt am Ende doch eins – ihr betreibt dort Kommunikation. Wenn ihr euch also in Wort und Ton so verhaltet, wie ihr es im direkten Gespräch macht, werdet ihr es schon meistern. Außer ihr seid Arschlöcher, dann kann ich euch auch nicht helfen ;-)
(Bestimmt habe ich ganz viele, ganz wichtige Aspekte vergessen. Ergänzungen, Korrekturen und Beschimpfungen gerne in den Kommentaren. Bitte denkt daran: Wir sprechen nicht über Großunternehmen.)




