Extra3 — Deutschlands schönste Schulnamen: Schule aus Twist nicht mehr betroffen.
Update: Aus zuverlässiger Quelle (mittlerweile vom Bürgermeister selbst bestätigt) habe ich erfahren, dass die Schule ihren Namen wieder in „Grundschule Adorf” ändern wird. In den Kommentaren kam bereits die Frage nach „Schuld” auf. Es ist mir wichtig zu betonen, dass die Schulleitung zur Zeit der Namensgebung in keiner Weise – auch nicht mit intensivster Recherche – die Vorwürfe hätte aufdecken können. Alle hier aufgeführten Probleme entstanden im Nachhinein nach eingehender Quellenrecherche & –aufdeckung durch Geschichtswissenschaftler. Der Schule bzw. der damaligen oder heutigen Schulleitung in irgendeiner Weise „Schuld” zuschreiben zu wollen, wäre somit absoluter Unfug. Das war auch zu keiner Zeit Intention dieses Beitrags.
Mein Heimatdorf Twist (Wikipedia-Artikel) liegt recht beschaulich nahe der holländischen Grenze im Emsland. Die knapp 10.000 Einwohner zeichnen sich unter anderem durch ein reges Gemeindeleben (7 Ortsteile, aber 10 Schützenvereine
), Engagement und eine gehörige Portion Gutmütigkeit aus. Deutschlandweite Bekanntheit erreicht Twist durch das Heimathaus, in dem Jahr für Jahr grandiose Blues-Konzerte stattfinden, die mittlerweile sogar der Deutschlandfunk mitschneidet. Das Dorf entspricht wohl beinahe idealtypisch der Vorstellung, die „Stadtmenschen” von Dörfern haben. Geht das Leben dort meist recht beschaulich zu, so habe ich nun ein kleines Problem entdeckt, mit dem sich die Gemeinde wohl oder übel auseinandersetzen muss.

Extra3-Karte Deutschlands schönste Schulnamen
Am Sonntagabend wies Tobi Schlegl zum Ende der NDR-Sendung „Extra 3″ auf das Extra 3-Poster „Deutschlands schönste Schulnamen” hin. Leicht zu erkennen war, dass es sich um Schulen handelte, die offenbar Namen von mehr oder weniger bekannten Vertretern oder Unterstützern des Nazi-Regimes trugen. Da nach der Sendung das Extra 3-Blog nicht mehr zu erreichen war, bin ich erst gerade dazu gekommen, mir die Karte anzuschauen.
Mit Erstaunen stellte ich fest: Eine Twister Schule ist zwar nicht auf der Karte enthalten – jedoch heißt die Grundschule im Ortsteil Adorf (veraltete Homepage) seit 2007 wie einige auf der Karte verzeichnete Schulen „Peter-Petersen-Schule” (siehe z.B. das Schulverzeichnis der Gemeinde Twist).
Zur Zeit der Namensfindung und –gebung war die Biographie Petersens noch sehr ausgeglichen – eine Vielzahl von Schulen trug seinen Namen. Die Geschehnisse während der nationalsozialistischen Diktatur erschienen deutschlandweit so vernachlässigenswert, dass auch die Namensgebung in Adorf (natürlich) problemlos umgesetzt wurde.
Seitdem sind allerdings schwerwiegende Vorwürfe gegen den Reformpädagogen erhoben worden. Liest man den Abschnitt „Petersen im Nationalsozialismus” im Wikipedia-Artikel zu Peter Petersen, so erscheint seine Rolle in den Jahren 1939 – 1945 mittlerweile in einem mehr als fragwürdigen Licht – ein kleiner Auszug:
1939 wurde Petersen das „Silberne Treuedienstabzeichen” als Anerkennung für 25 Jahre treue Dienste durch den Führer und Reichskanzler verliehen. 1944 wurde er gemeinsam mit dem Jenaer Rektor Karl Astel Dozent für Lagerinsassen des KZ Buchenwald und hielt Vorträge zur „Germanisierung“ verschleppter norwegischer Studenten.
Mit den Vorwürfen, die gegen Petersen erhoben werden, befasste sich Anfang Oktober 2009 auch das Nachrichtenmagazin Spiegel unter dem Titel „Ein Problem namens Petersen”. Der Artikel greift die aktuellen Veröffentlichungen zum Thema auf und beschreibt die bereits an einigen Schulen gezogenen Konsequenzen. Das 2009 veröffentlichte Buch „Mythos und Pathos statt Logos und Ethos” von Benjamin Ortmeyer rückt das bis dato noch aus– bzw. abgewogene Bild Petersens weit in Richtung Antisemitismus. Besonders erschreckend sind Äußerungen Petersens im Jahr 1949 – also vier Jahre nach Kriegsende, im Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland:
„Noch in seinem pädagogischen Vermächtnis bedauert Petersen, dass Hitler sein antisemitisches Programm der Vernichtung nicht durchgezogen hat”, sagte der Forscher SPIEGEL ONLINE. Ortmeyer bezieht sich dabei auf das Buch „Der Mensch in seiner Erziehungswirklichkeit”, in dem Petersen klagte, das deutsche Volk sei „rassisch verunreinigt”.
Deutlicher lässt sich wohl kaum zeigen, dass Petersens Anpassung an das NS-System nicht nur „unappetitliche Anbiederung” (siehe Spiegelartikel) war. Dementsprechend benannten sich etliche Schulen auf Basis der neuen Erkenntnisse um. So entschloss sich die Schulkonferenz der Peter-Petersen-Schule in Hamburg Ende letzten Jahres aufgrund der Vorwürfe zur Namensänderung. Das Landesinstitut Hamburg hat im Rahmen einer vor dieser Entscheidung durchgeführten Podiumsdiskussion eine aufschlussreiche Materialsammlung (PDF, 960 kb) erstellt. Das Heft schließt mit einem Zitat aus dem Buch „Reformpädagogik und Protestantismus im Übergang zur Demokratie. Studien zur Pädagogik Peter Petersens” von Hein Ritter:
Nachdem jetzt erst von Petersen bekannt wurde, dass er 1944 an einem Programm der SS zur Germanisierung norwegischer Studenten durch Vorträge im KZ Buchenwald mitwirkte, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Kollegium, das heute beabsichtigt nach dem Jenaplan zu arbeiten, die eigene Schule ohne ein moralisches Problem zu haben, Petersen-Schule nennt. Die Verschränkung pädagogischen Handelns mit dem Netz politischer Führer und Institutionen im „Dritten Reich“ macht dieses Handeln – unabhängig vom konkreten Tun – moralisch fragwürdig.
So gern ich es sehe, wenn Twist bekannt(er) wird: Auf dieser einen Karte müssen wir nun wirklich nicht auftauchen. Ich hoffe, dass hiermit eine Diskussion um den Schulnamen und eine eventuelle Umbenennung angeregt wird. Mit einem entsprechenden Antrag werde ich mich in Kürze an die im Gemeinderat vertretenen Fraktionen, den Bürgermeister sowie den „Ausschuss für Schule, Sport und Kultur” wenden. Diese wurden (wie auch die Grundschule Adorf) vor Veröffentlichung des Artikels von eben diesem per E-Mail in Kenntnis gesetzt. Wie im Update bereits geschrieben, wird die Schule wieder in „Grundschule Adorf” umbenannt, eine entsprechende Diskussion ist also hinfällig.
Meinungen dürfen auch gerne hier in den Kommentaren geäußert werden – bitte nicht wundern: Hier wird aufgrund diverser rechtlicher Gefahren moderiert, so dass Kommentare nicht sofort erscheinen. Zudem bitte ich darum, sich gesittet zu verhalten. Alles andere fliegt direkt raus. Seid halt nett zueinander.